23. Mai, 2016

Der Körper weiß, was gut ist

Zwei junge Forscher machen ihr Glück mit der Schule des intuitiven Essens 

Von Birgit Kölgen 

Diäten sind doof. Das weiß jeder, der sich schon einmal in kaloriensparender Absicht sein Erdbeermarmelade-Toast versagt und gegen ein Grünkohl-Smoothie ausgetauscht hat. Aber dass Diäten keinen Sinn machen und man ohne jede Vorschrift durch intuitives Essen viel schöner und nachhaltiger schlank werden kann, das hört der moppelige Mensch besonders gerne. Der agile Tuttlinger Marc-Christopher Reinbach (24), Medizinstudent in Düsseldorf, und seine Partnerin Mareike Awe (23), ebenfalls angehende Ärztin, haben die frohe Kunde in die Welt gesetzt. Unterstützt von der Universität, brachten sie das digitale Trainingsprogramm „intueat“ auf den Markt der dicken Möglichkeiten. 

„Intuitiv essen, Diäten vergessen“: So heißt der Slogan, der zunächst einmal die Spötter reizt. Mein durch Dick und Dünn und etliche Diäten zu beachtlichem Gewicht gelangter Gatte zum Beispiel würde intuitiv stets den Zwiebelrostbraten mit Bratkartoffeln und nachher einen Amarena-Becher mit klebrig-süßer Kirschsoße und Sahne bevorzugen. Nur die Vernunft macht daraus manchmal ein Steak mit nix als Salat und dem öden Gefühl des Verzichts. Tja, da stimmt wohl was nicht mit seiner Intuition, also dem Spürsinn für das Wahre und Richtige. Die unersättliche Gewohnheit scheint das natürliche Körpergefühl zu missachten. Oder wie? Ich bespreche das mal mit den jungen Forschern persönlich. 

Wir verabreden uns in einem Düsseldorfer Tapas-Lokal. Da gebe es kleine Portionen, meint Marc Reinbach am Telefon. Verstehe. Wie nicht anders zu erwarten, ist das auch privat verbandelte Pärchen geradezu rührend schlank. Der schlaksige Marc wiegt vielleicht 78 Kilo bei einer Größe von 1,86 Meter und kannte nie Gewichtsprobleme. Die zierliche Mareike bringt höchstens 55 Kilo auf die Waage – bei einer Größe von 1,70 Meter. Sie hat durch intuitives Essen vor ein paar Jahren zehn Kilo abgenommen und hält seither, was sie ihr Wohlfühlgewicht nennt. Aha, mit 65 Kilo fand sie sich fett? Das finde ich nicht so nett, schließlich wiege ich derzeit 65,5 Kilo bei gleicher Größe und komme mir leicht genug vor, schließlich hatte ich schon mal 15 Spätzle-Kilo mehr auf der Hüfte. Nun ja, ich bin ja auch viel älter als Mareike, und alles ist relativ, sogar das Wohlfühlgewicht. 

Beim Abnehmen, versichert die hübsche Blondine, habe sie auf nichts verzichtet, was sie wirklich mag. Sogar Nutella, die fatale Nussnougatcrème, aß und isst sie weiterhin, und zwar mit Banane. Aber eben in Maßen, nur, bis der Bauch genug hat. Die Signale des Körpers zu erkennen und auf sie zu hören – darum geht es beim intuitiven Essen, das die amerikanischen Ernährungsberaterinnen Evelyn Tribole und Elise Resch schon in den 1990er-Jahren in ihrem Bestseller „Intuitive Eating“ propagierten. Die Grundsätze sind einfach: Nur essen, wenn man hungrig ist; langsam genießen, was einem schmeckt; und – jetzt kommt’s – aufhören, wenn man satt ist. 

Dieses völlig natürliche Verhalten haben wir uns alle gründlich abgewöhnt. Zum einen ist es die pure Gier, die uns die Tafel Vollmilch-Nuss in Gänze verschlingen lässt. Vom Leckeren kann man nicht genug bekommen. Zum anderen ist es die Erziehung, die uns fehlgeleitet hat. „Iss den Teller leer“, hört manches Kind jeden Tag. In der älteren Generation galt es sogar als Sünde, Essen liegen zu lassen, die Oma hatte ja noch selbst nach dem Krieg die böse Hungerzeit erlebt, und in Afrika wären die Kinder froh über den verschmähten Rahmspinat. Niemand dachte darüber nach, dass es die Kinder in Afrika auch nicht nährt, wenn wir uns bis zum Bauchweh vollstopfen. Es ging halt ums Prinzip. Mein Vater hasste es sogar, wenn wir Kinder am Mittagstisch trödelten. „Wer schnell isst, arbeitet auch schnell“, war seine Devise. Bis heute tendiere ich, wenig damenhaft, zum schnellen Schlingen und muss mich zwingen, zwischendurch das Besteck hinzulegen und durchzuatmen. Wenn die Spaghetti auch kalt werden, sie schmecken trotzdem noch.

Mareike bestellt gleich was Kaltes in dem Tapas-Lokal: ein Näpfchen mit Kichererbsensalat, in dem sie hin und wieder anmutig pikt. Sie habe heute Abend keinen richtigen Hunger, erklärt sie dazu. Auch mir hat es bei dem Thema irgendwie den Appetit verschlagen, ich schaffe intuitiv nicht einmal eine kindlich kleine Portion Gnocchi mit Tomatensoße. Marc stochert ebenfalls in den Gnocchi, aber immerhin: Wir fürchten nicht das Fette und teilen uns intuitiv eine Portion Datteln im Speckmantel, während die Experten von ihrem Programm erzählen. 

Nein, sie haben das intuitive Essen nicht erfunden. Doch sie glauben, dass der 440 Seiten dicke US-Ratgeber von Tribole/Resch mit dem deutschen Titel „Intuitiv abnehmen“ die Leute auf gewisse Weise überfordert. Auch regelmäßige Besuche in Diät-Gruppen sind zeit- und energieraubende Verpflichtungen. Heutzutage arbeitet man lieber mit modernen Medien und braucht ein schnittiges Digitalprogramm – mit Texten, Filmen, Audiodateien, die nach Belieben genutzt werden können. 

Mit zehn pfundigen Bekannten haben die Studenten ihr Projekt „intueat“ ausprobiert, ein erstes kleines Mentaltraining nahm Mareike mit dem iPhone auf. 2015 gab es dann den ersten Online-Kurs mit 30 Teilnehmern, und die Idee von „intueat“ wurde beim Innovationswettbewerb der Universität Düsseldorf ausgezeichnet. Bei der zweiten Runde waren schon 80 Abnehmwillige dabei, und jetzt gerade läuft das dritte Programm mit 125 Kunden.

16 Wochen dauert das Programm. Für eine durchaus üppige Gebühr (379 Euro, Schnuppermonat: 99 Euro) bekommen die Teilnehmer systematische Lektionen als pdf-Datei, gut gelaunte  Motivationsvideos, ein „Erfolgstagebuch“ für die Selbstbetrachtung und insgesamt an die 20 Audiodateien mit einem Mentaltraining, das professionell von einem Psychotherapeuten gesprochen wird: „Mach es dir nun bequem ... Es ist an der Zeit, zum freien Genießer zu werden. Und so isst du nur noch das, was dich wirklich befriedigt und was dir wirklich schmeckt und was dir wirklich guttut ... Denn du weißt: Je bewusster und langsamer du dein Essen genießt, umso leichter wirst du dein Wohlfühlgewicht erreichen ...“ So raunt eine angenehme Männerstimme zu perlender Entspannungsmusik. Und auf der Website schwärmen die Erleichterten wie Susanne F.: „Es klappt super – endlich kein schlechtes Gewissen mehr beim Essen.“ 

Wer neu einsteigen will, muss sich allerdings bis zum Start des nächsten Programms Ende Mai gedulden. Da die Teilnehmer systematisch mit Trainingsdateien beliefert werden und per Mail ein persönliches Feedback bekommen, läuft das Programm auf festen Zeitschienen. Schließlich haben die Gründer, die sich mit Hilfe der BWL-Studentin Isabelle Hahn selbst um die Kundenbetreuung kümmern, auch noch mit Studium und Doktorarbeit zu tun. Später, als fertige Mediziner, wollen sich Marc-Christopher Reinbach und Mareike Awe ganz dem Geschäftsprinzip der Gesundheitsberatung widmen. Intuitiv kann man nämlich nicht nur schlank, sondern auch fit und glücklich sein. Um diesen tröstlichen Gedanken zu feiern, essen wir zum Nachtisch noch ein mächtiges Joghurteis mit Himbeersoße. Das muss jetzt sein, rein intuitiv.

Informationen über das „intueat“-Programm, Erfahrungsbereichte und Anmeldung unter www.intueat.de

Literaturtipp:

Die deutsche Ausgabe des Bestsellers „Intuitive eating“ von Elyse Resch und Evelyn Tribole ist unter dem Titel: „Intuitiv abnehmen: Zurück zu natürlichem Essverhalten“ als Taschenbuch im Goldmann Verlag erschienen. 440 Seiten, 9,99 Euro.

 * Dieser Artikel ist am Samstag, 14. Mai 2016, in der Wochenend-Beilage der Schwäbischen Zeitung, Ravensburg, erschienen.