1. Aug, 2016

Der Fluch der großen Zahlen

Ich bin kein Zahlen-Mensch. Mit den Ziffern, die mein Körpergewicht dokumentieren, habe ich mich lange gequält. Jedes Gramm, das hinzukam, wurde schmerzhaft registriert. Erst als ich bei 100 Kilo angekommen war und mein Lebensgefühl eine neue Überschrift bekam – nämlich: Schlank war gestern! -, hörte ich auf, mich dem Zahlen-Terror auszusetzen. 100 Kilo Lebensfreude – das passte fortan.

Jetzt hat mich die Realität der Zahlen wieder eingeholt.

Alles fing damit an, dass die Gier mich aufforderte, dem aktuellen Breuninger-Angebot, Superschnäppchen zu Superpreisen, zu folgen. Kleine Zahlen auf einer großen Rechnung faszinieren halt immer. 

Zusammen mit meiner mich liebenden Gattin machte ich mich am Samstag auf den Weg zum Konsumtempel am Düsseldorfer Hofgarten. In der Herren-Abteilung angekommen, fremdelte ich zunächst. Mit fehlte ein konkretes Ziel. Oder anders ausgedrückt: Ich wusste nicht, was ich wollte. 

Um diese Schwelle zu überwinden, ließ ich mich überreden, einfach mal etwas zu probieren. Und damit nahm das Unheil seinen Lauf: 

Welche Konfektionsgröße? Okay, 52 reicht schon lange nicht mehr aus. 54 muss es ja wohl schon sein. Gesagt, probiert. Nun ja, Sakkos unterschiedlicher Hersteller fallen unterschiedlich aus. Die, die ich probiert habe, waren jedenfalls alle sehr schmal. Zu slim für den 100 Kilo-Mann.

Zahlen können so brutal sein. 56 – das war früher für mich eine Größeneinheit für Zeltplanen oder ähnlich raumgreifende Textilien. Aber auf keinen Fall meine Sakko-Größe. Erst die Expertise der Fachverkäuferin überzeugte mich: „Diese Größe brauchen sie auf jeden Fall.“ Nicht nur Zahlen können brutal sein, Frauen auch. 

Nur kurzzeitig löste ein leichter Triumph die Demütigung ab. Ich habe es doch gesagt: 56 ist viel zu groß. Leider nur an den Ärmeln. Alles andere saß eher spack. Erst bei Größe 58 (!) stellten sich wieder wirkliche Erfolgserlebnisse ein. Das Sakko ließ sich locker schließen, und die viel zu langen Ärmel ähnelten einer Zwangsjacke. Ein großartiges Gefühl.

Es hielt nicht lange vor. Als meine mich liebende Gattin die Fachverkäuferin fragte, ob es nicht eine Zwischengröße für kleine, dicke Männer gäbe, kippte meine Laune vollends.

Dick und klein bei 100 Kilo und 180 Zentimetern, das geht zu weit. „Ja, da habe ich etwas für Sie“, bestätigte die Fachverkäuferin mit aufmunterndem Lächeln. Und als dieses Modell dann auch noch einigermaßen passte, setzte sie noch ein „Sehen Sie!“ drauf. 

Offensichtlich aus Mitleid hat man diesen Zwischengrößen kleinere Nummern gegeben – in meinem Fall ist es die 28. Diese Zahl versetzt mich immerhin im Freundeskreis in die Lage, auf unangenehme Fragen zu meiner Konfektionsgröße schlagfertig zu antworten: „Nein, nicht 54, nicht 56 und auch nicht 58 – die Zahl ist viel kleiner.“ Ist doch nicht gelogen – oder?