16. Aug, 2016

Lustig soll es sein, das Hemd!

Die Mode der Neuzeit hat es mit uns Männern noch nie besonders gut gemeint. Über Jahrzehnte hat man uns in schwarze oder graue Business-Anzüge gesteckt, so dass wir – rein äußerlich betrachtet – kaum voneinander zu unterscheiden waren. Zumal alle zum Graumann auch noch ein weißes Hemd trugen. 

Bemühte Fachverkäuferinnen sind schier verzweifelt, wenn sie den Kunden mal etwa Farbe empfohlen haben. Die Antwort, so eine glaubhafte Zeugin der Diskussion, glich immer wieder dem von Brecht übermittelten Satz: „Mir ist jede Farbe recht. Hauptsache, sie ist grau!“ 

An solchen Reduzierungen der Vielfalt konnten auch die Bemühungen so mancher Jugendbewegung letztlich nicht ändern. Der Hippie-Look hat es in der etablierten Gesellschaft mal gerade geschafft, die Freizeitkleidung etwas legerer und bunter zu gestalten. Im Businessbereich war die Kombi dunkelblauer Blazer/hellgraue Hose das höchste Maß an Freiheit.

Noch eintöniger – weil mit noch weniger Auswahl – waren die Möglichkeiten im Angebot für den Mann mit Format. Für schlanke Männer gab es immerhin noch flotte Schnitte, für Männer ab Größe 54 nur noch zeltförmige Umhänge. Farbe grau, versteht sich.

In meinem persönlichen Freundeskreis stelle ich in den letzten Monaten eine Art modische Aufmüpfigkeit fest. Der Trend geht schon seit längerem zu roten, grünen oder blauen Hosen. Ja, die gibt es auch für Männer mit Format. Doch nicht nur das. Seit jüngstem bemerke ich, dass die Hemden farbiger und klein- oder großflächig gemusterter sind. Nun, eine Massenbewegung ist es noch nicht. Und so mancher tut sich mit der neuen Farbenlehre noch schwer. Ein Düsseldorfer Freund zum Beispiel glaubt immer noch, Schwarz sei auch eine lustige Farbe. Aber den werden wir auch noch überzeugen. 

Schluss mit der Unart, nur weiße, allenfalls mal zart blau gestreifte Hemden zu tragen. Lustig soll es sein, das Hemd! Und das darf ruhig mal knallen. Farblich auf jeden Fall, aber auch vom Muster her.

Ja, das ist eine Alterserscheinung. Es hat sechs Jahrzehnte gedauert, eh wird uns von den Normzwängen der Oberbekleidungsindustrie gelöst haben. In diesem Sinne: Immer schön lustig bleiben. Bei den Hemden – und natürlich auch sonst im Leben.