23. Apr, 2017

Was soll das schlechte Leben?

Ja, ich gebe es zu. Meine Lebensfreude war in den letzten Wochen und Monaten doch etwas ausgeprägter, so dass es nicht bei den gewünschten 100 Kilo geblieben ist. Alles auf der Welt lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen, fand schon ein gewisser Geheimrat namens Goethe. Es ging eigentlich ganz schnell, schwupps – und schon zeigte das unerbittliche Digital-Display meiner Waage 106,5 Kilo an.

Nun ist es nicht so, dass mir jetzt meine Freuden in Form von köstlichen Speisen und süffigen Getränken im Nachhinein leidtun. Nein, das passte schon – wie der Schwabe sagt. Doch leider passen mir jetzt meine Hemden nicht mehr, die Jacketts gehen nicht zu, und die Hosen zwicken und zwacken. Auch das wäre alles noch zu ertragen. Und zu lösen – wozu gibt es spezialisierte Herrenausstatter? Doch das ist auch noch die beste aller Ehefrauen. Sie findet plötzlich, dass ich tagsüber fürchterlich schnaufe und nachts laut schnarche. Meine Erwiderung, dass ich das Atmen nicht einstellen könne, ließ sie nicht gelten.

Bei so viel Unverständnis blieb mir wegen des häuslichen Friedens gar nichts anderes übrig, als mich wieder einmal ernsthaft mit dem Gedanken zu beschäftigen, dass weniger nicht vielleicht doch besser ist.

In dieser Situation kam mir Andreas Winter gerade recht. Er ist Pädagoge und Autor. Schon der Name seines Institutes Powerscout Wellness Coaching hat mich tief beeindruckt – wow! Seine Hauptthese gefiel mir natürlich auch: Abnehmen ist leichter als Zunehmen. Darauf hat die Menschheit doch gewartet: Mit der gleichen Schnelligkeit, wie ich mir die Currywurst mit Pommes auf die Hüfte packe, werde ich die so angefutterten Kilos wieder los. Und das ganze ohne Sport und sonstige Qualen – sondern allein durch Kontrolle meiner Gedanken.

Okay, ich gebe zu, zuweilen wirre Gedanken zu haben. Das muss man dann schon ein bisserl fokussieren, wenn es denn etwas bringen soll. Zunächst muss ich mir, so Andreas Winter aus Iserlohn, über drei Dinge im Klaren sein.

Erstens: Es gibt falsche Glaubenssätze, die wir im Laufe unseres Lebens ungeprüft übernommen haben. Von denen muss man sich lösen. Was bedeutet das nun für meine Currywurst? Nun ja, es stimmt schon, dass ich die weltweit verbreitete Meinung, dass eine mit Curry zubereitete Wurst ganz besonders lecker sei, ungeprüft übernommen habe. Wenn man diesen Glaubenssatz nicht immer wieder propagieren würde, käme ich von selbst wahrscheinlich gar nicht auf die Idee, eine Wurst mit Curry zu würzen.

Zweitens: Wir sollen uns hüten, aus falschen Beweggründen zu essen. Was könnte der Powerscout Wellness-Coach damit wohl meinen? Richtig. Mit 106,5 Kilo kann ich nicht behaupten, es ging ums Überleben. Schließlich habe ich ordentlich was zum Zusetzen.

Drittens: Wir sollen damit aufhören, die Vorteile, die durch das Übergewicht erreicht werden, zu betonen. Welche Vorteile? Mit der Beantwortung dieser Frage tue ich mich etwas schwer. Meint er damit, dass dicke Männer eher in Chefpositionen befördert werden als dünne Hungerhaken?

Meine Zusammenfassung: Ich löse mich von der Meinung, dass eine Currywurst lecker sei. Und deshalb verzichte ich auf sie. Ich esse nicht mehr aus Lust oder Frust, sondern nur noch, wenn der Körper es zum Überleben braucht. Und: Den Quatsch, dass Dicke besser behandelt werden, habe ich eh nie geglaubt.

Aber irgendwie scheint die Sache mit den Gedanken bei mir nicht zu funktionieren. Ich komme mir nach diesen Einsichten keineswegs leichter vor. Und die Waage zeigt immer noch 106,5 Kilo an. Dafür erfasst mich eine ungewohnt schlechte Laune. Da halte ich es doch lieber mit meinem alten Grundsatz: Was soll das schlechte Leben? Bitte eine Currywurst mit Pommes! Mayo und Ketchup natürlich auch.

Ja, ja, ja! So komme ich natürlich nie wieder auf 100 Kilo. Oder vielleicht doch? Es müssen ja nicht drei, vier Currywürste in der Woche sein. Ein, zwei tun es auch, um bei Laune zu bleiben.