1. Aug, 2016

Schick durchs Abitur

Die Jugend von heute trägt wieder Anzug und Cocktailkleid 

Was 50 Jahre so ausmachen. Bei den Abiturfeiern im Jahr 1966 (und bis weit in die 70er-Jahre hinein) war es verpönt, im dunklen Anzug mit Krawatte oder gar Fliege zu erscheinen. Das waren äußere Attribute, die den spießigen Eltern vorbehalten waren. Die Jugend von damals wollte sich von der Generation absetzen, die den Übergang von der Nazi-  zur Wirtschaftswunder-Gesellschaft so glatt hinbekommen hat. Neben den überfälligen inhaltlichen Auseinandersetzungen, die 1968 ihren Höhepunkt erreichten, mussten auch äußere Zeichen gesetzt werden. So wurden Abiturfeiern grundsätzlich in Frage gestellt. Und wenn sie dann trotzdem stattfanden, erschien man im Schmuddel-Look. Allein schon, um die Alten zu ärgern und zu provozieren. 

Heute ist alles anders. Wenn man sich 2016 im Vorfeld der Abitur-Feier streitet, geht es um ganz andere Fragen: Trage ich Krawatte oder Fliege zum dunklen Anzug? Oder: Ziehe ich ein langes Abendkleid an oder ein kurzes Cocktailkleid? So oder so: Die Eltern sind stolz auf ihre Kinder.

Ist die Abi-Jugend 2016 deshalb eine oberflächliche und nur auf Äußeres bedachte Generation? In Teilen sicherlich. Aber auch vor 50 Jahren fanden nicht alle den Schlabber-Look toll. Vielleicht ist der neue, den allgemeinen Konventionen geschuldete Look ja auch Ausdruck einer neuen inneren Freiheit. Es gibt keine ideologischen Zwänge mehr, die den Entscheidungsspielraum einengen. Die jungen Frauen und Männer von heute tun, was sie für richtig halten. 

Das ist im Grundsatz eine prima Idee. 

Die Lebenserfahrung lehrt, dass Anpassung und Befreiung von Konventionen über die Jahrzehnte wechseln. Bleibt zu hoffen, dass die Anzugträger von heute in Zukunft dem voraussichtlichen Schmuddel-Look ihrer Enkelkinder genauso tolerant begegnen wie die Großeltern aus der 68er- und Hippie-Zeit das heute mit ihnen machen.