1. Mai, 2016

Özils Elf in Brasilien operiert

Deutsche Ärzte und Schwestern gehören zu den Helden von Coroat’a.

Frank Möller und Mesut Özil kennen sich nicht. Und doch haben der Anästhesist aus Herne und der Profi-Fußballer aus London eine Verbindung. Beide haben dafür gesorgt, dass dem kleinen Joao Victor (Foto) in der brasilianischen Provinz von Coroat'a die entstellende Lippen- und Gaumenspalte beseitigt wurde. Dr. Frank Möller gehört zu den deutschen Interplast-Ärzten, die im Regenwald-Hospital von Coroat'a in den letzten Tagen über 150 Kinder operiert haben. Mesut Özil hat bei der Spendenorganisation BigShoe aus dem Allgäu, die diese Operationen insgesamt finanziert, elf Patenschaften übernommen. 

„Ich bin Anästhesist geworden, weil ich als Student das Gefühl hatte, dass dort die nettesten Menschen arbeiten.“ Diese Tradition setzt der 58-jährige Frank Möller fort, sagen alle Kollegen des Coroat’a-Teams. Frank Möller ist ein herzensguter Mensch. Um im Regenwald zu verhindern, dass die Teamkollegen zwei Spinnen totschlugen, rettete er sie lieber mit einer aufwändigen Aktion. Diese Grundhaltung demonstriert er auch vor und im OP-Saal. Liebevoll und unter ständigem Streicheln und Betüddeln versetzt er seine kleinen Patienten in einen Tiefschlaf. Frank Möller, der Mann aus dem Ruhrgebiet und selbst Vater von zwei erwachsenen Kindern, engagiert sich in Coroat'a vor allem, weil hier sehr viele kleine Kinder behandelt werden. Man merkt am Strahlen seiner Augen, wie ihn diese Aufgabe beglückt. Hinzu kommt die alte Freundschaft mit dem Chirurgen und Teamleiter Stefan Hessenberger. Beide sind die Ruhe selbst, beide verbindet eine Art Urvertrauen.

Mesut Özil ist übrigens auch ein Wiederholungstäter. Im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien übernahm er bereits elf BigShoe-Patenschaften, nach dem Titelgewinn legte er nach und erhöhte um weitere 23 Patenschaften: „Kinder sind mein Glück“, verkündete er damals per Video-Botschaft.

Mit ihrem Engagement ermöglichen Möller und Özil dem vierjährigen Joao Victor eine deutlich verbesserte Zukunft. Wenn die doppelte Lippen- und Gaumenspalte nicht im Kindesalter operiert wird, müssen die Kinder mit dieser entsetzlichen Entstellung leben, werden in Brasiliens Norden zum Teil von der Gesellschaft geächtet. Außerdem haben sie ein Leben lang Sprech-, Trink- und Essstörungen.

Die Mutter von Joao war mit ihrem Sohn schon am Tag vor dem Eintreffen der deutschen Ärzte angereist. Nur im von Ordensschwester Veronica betrieben Regenwald-Krankenhaus hat er eine Chance auf Heilung. Den brasilianischen Ärzten im Norden der Riesenlandes fehlt die Kompetenz für die notwendige Operation, und die Behandlung durch Fachärzte in Sao Paulo oder Rio de Janeiro kann sich die Familie nicht leisten. In Coroat’a entstehen keine Kosten – die Interplast-Ärzte arbeiten ehrenamtlich, die Operationskosten übernehmen BigShoe und die Paten.

Wenige Tage nach der OP wird Joao nicht nur im Mundbereich äußerlich verändert sein. Seine Mutter hatte eine Art Gelübde abgelegt, dass die langen, lockigen Haare ihres Sohnes erst abgeschnitten werden, wenn er zur Operation zugelassen wird, alles gut verläuft und die Heilung Fortschritte macht. Für Operateur Dr. Stefan Hessenberger, Mund-, Gaumen- und Gesichtschirurg aus München, war die Operation kein Problem: „Alles gut gelaufen!“ Nach drei Tagen dürfte der Junge schon nach Hause. Und dann wird Mama wohl zu Kamm und Schere greifen ...

Laura gehört auch zu den Besuchern, die schon Stunden vor Eintreffen der deutschen Ärzte im Regenwald-Hospital von Coroat'a warten. Doch die Fünfjährige steht nicht an, weil sie auf einen sicheren Operationstermin wartet. Sie will sich bei den Gästen aus Europa nur bedanken. Und das macht sie mit einem strahlenden Lächeln. Dr. Jan Esters aus Lüdinghausen (St. Marien-Hospital) und Dr. Michael Sollmann aus Essen (Katholische Kliniken Ruhrhalbinsel) haben sie vor eineinhalb Jahren am Hals operiert. Eine Verwachsung hatte dazu geführt, dass sie den Kopf nicht mehr bewegen konnte. Heute ist die schmerzhafte Wucherung so gut wie verschwunden. Dafür werden die Ärzte aus Deutschland mit einem strahlenden Lachen empfangen – und ganz herzlich gedrückt. Die beiden Plastischen Chirurgen aus Deutschland im Chor: „Deshalb machen wir das.“

Schwester Veronica, Salanus-Schwester im Franziskaner-Orden, die das Regenwald-Hospital vor 23 Jahren aufgebaut hat, versteht diese Freude: „Viele nehmen Hunderte von Kilometern Anreise auf sich, weil sie wissen, dass wir versuchen, ihnen zu helfen.“

Aber nicht in allen Fällen können die Ärzte aus Deutschland etwas machen. Die fünfjährige Olivia ist extra drei Tage vor Eintreffen der deutschen Ärzte in Coroat'a angereist, hat stundenlang bei fast 40 Grad in einer langen Schlange gewartet – und muss dann erfahren, dass ihre Lippen- und Gaumenspalte nicht operiert werden kann. Der Grund: Neben der Entstellung im Mundbereich hat das Kind auch noch ein Herzleiden. Alle anwesenden Ärzte werden zusammengerufen, um das Risiko abzuwägen. Die Lippen- und Gaumenspalte ist für die Spezialisten aus Deutschland an sich kein Problem, doch für Herz-Komplikationen ist das Krankenhaus im brasilianischen Regenwald nicht eingerichtet – es gibt keinen Intensivbereich.

Sichtlich berührt schicken die Ärzte die kleine Olivia mit ihrer Mütter wieder nach Hause. Für sie bleibt nur der Trost, dass sie vielleicht in Rio oder Sao Paulo eine große Klinik finden, die den Eingriff übernimmt – falls die Familie das Geld für diesen Eingriff aufbringen kann. Der Anästhesist Frank Möller fasst seine Gefühle zusammen: „Alles, was wir machen, muss zum Vorteil des Patienten sein. Und wenn wir Zweifel haben, dass dieser Vorteil aufgrund der unzureichenden Ausstattung der Regenwald-Klinik erreicht wird, dann müssen wir es lassen.“ Dr. Stefan Hessenberger, der Spezialist für Lippen- und Gaumenspalten bei Kindern, pflichtet Frank Möller bei: „Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass ein Kind aufgrund unkalkulierbarer Komplikationen in Lebensgefahr gerät.“

Andere Patienten werden aus weniger spektakulären, aber durchaus nachvollziehbaren Gründen zurückgeschickt. Zum Beispiel, wenn es bei früher operierten Patienten keine funktionalen Störungen mehr gibt, sondern nur kleine Schönheitsfehler. Der Patientenansturm mit akuten Lippen- und Gaumenspalten ist so groß, dass diese kosmetischen Eingriffe zurückgestellt oder ganz abgesagt werden. Dazu Stefan Hessenberger: „Wir haben so viele Patienten, deren Lebenssituation wir mit unser einen Operation grundlegend verbessern können, die haben Vorrang." In der Tat werden in Brasiliens Norden Patienten Lippen- und Gaumenspalten häufig noch wie Aussätzige behandelt. Sie werden zum Teil weggesperrt.

„Einfach zu sagen, ich mache das, weil ich sozial eingestellt bin, ist mir zu platt.“ Jan Esters ist mit Interplast in Coroat'a dabei, weil er so den Menschen genau dort helfen kann, wo sie leben. Seit 2009 gehört er zum Team: „Hier muss man sich ganz anders orientieren – zurück zu den Wurzeln. Fokussieren auf das, was man im Studium gelernt hat.“

Michael Sollmann ist erst zum zweiten Mal in Coroat’a dabei. Er ist aber sehr froh, dass er das erleben darf. Man hilft auf der einen Seite, bekommt aber auch sehr viel zurück,  das sei eine wunderbare Erfahrung. Michael Sollmann ist im Team zusammen mit Dr. Jan Esters für alle plastisch-chirurgischen Eingriffe zuständig. Das hat in Coroat'a nichts mit den Schönheitsoperationen der Reichen dieser Welt und speziell auch Brasiliens zu tun, das ist eher ein Reparaturbetrieb mit einfachsten Mitteln – Entfernung von Wucherungen und überflüssigen Gliedmaßen, Haut-Transplantationen ... Und das alles mit für mitteleuropäische Verhältnisse völlig unzureichenden Analyse- und Umsetzungsmethoden: „Da muss man sich wieder auf seine Sinne verlassen.“

Ganz neu im Team ist Anästhesie-Schwester Angelique Saletzki, wie Frank Möller vom Evangelischen Krankenhaus in Herne. „Ich habe mir immer schon mal überlegt, so etwas zu machen, habe es dann aber nie getan. Diesmal hieß es: Jetzt oder nie!“ Die Anästhesie-Schwester Angelique Saletzki hat sich für Coroat’a entschieden. Wer beobachten konnte, wie engagiert sie Ihre Arbeit macht, wie liebevoll sie vor allem mit den Kindern umgeht, der kommt zu der sicheren Erkenntnis, dass sie diese Entscheidung nicht bereut hat.

Alle in Coroat’a aktiven Ärzte und Schwestern aus NRW haben durch Ihre Einsätze im Regenwald eine persönliche Bindung zu Schwester Veronica aufgebaut: „Man will sie nicht im Stich lassen.“ Und das werden sie auch nicht tun: Die meisten Teilnehmer des Coroat’a-Einsatzes 2015 haben schon für 2016 wieder zugesagt. Der Spendensammler BigShoe auch.

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Berichte über meinen Brasilien-Besuch vom November 2015 sind mehreren deutschen Zeitungen erschienen - z.B. Leipziger Volkszeitung, Trierer Volksfreund, Schwäbische Zeitung und in der Ärzte-Zeitung vom Springer Verlag.