20. Jul, 2016

Shania kann in wenigen Wochen wieder normal laufen

Chirurgin aus Nürnberg operiert seit 16 Jahren Kinder in Tansania

Die dreijährige Shania ist ein fröhliches Kind. Trotz extremer Fehlstellung ihrer Beine wackelt sie munter über die Wiese vor dem Hospital in Infunda (Tansania). Ihre Beine sind so stark verbogen, dass ein Medizinball durchpasst. Shania wird am nächsten Tag von Dr. Annemarie Schraml operiert: „Das ist dringend nötig, denn bei dieser Fehlstellung werden die Gelenke so strapaziert, dass das Kind ohne Operation bald im Rollstuhl landen würde.“ Die Chirurgin von den Cnop’schen Kinderklinik in Nürnberg ist seit dem Jahr 2000 in Tansania aktiv. In dieser Zeit hat die Spezialistin für die Beseitigung von Bein-Fehlstellungen und -Missbildungen fast  2000 Kinder operiert.

„Die Kinder hier in Tansania haben meist sehr lange Schulwege. Ein Kind mit extremen Fehlstellungen der Beine kann das nicht leisten“, erklärt Annemarie Schraml: „Nach der Operation können die Kinder wieder die Schule besuchen, einen Beruf erlernen und aus der Spirale der Armut herauskommen.“ Die Ärztin, die in Bad Waldsassen in der Oberpfalz geboren ist, fährt regelmäßig zwei Mal im Jahr für zehn bis 14 Tage nach Tansania um zu helfen: „Wir sind ein reiches Land, und jeder von uns hat die Verantwortung, nach seinen Möglichkeiten etwas zu tun. Außerdem treibt mich persönlich meine christliche Überzeugung an.“

Begleitet wird sie immer von einem Team, bestehend aus Anästhesie-Ärzten und OP-Schwestern. Team-Arzt Dr. Ronaldo Rossi aus Ansbach schätzt an der Arbeit von Annemarie Schraml besonders, dass sie Wert auf Nachhaltigkeit legt: „Sie hält nichts davon, wenn Ärzte einmal im Leben in Afrika aufschlagen, temporär sicher Gutes tun, dann aber wieder für immer verschwinden.“ In Nkoaranga im Norden Tansania, wo das Team Schraml bislang aktiv war, ist mittlerweile eine medizinische Nachbehandlung möglich. Auch gibt es Möglichkeiten, Schienen einzusetzen und Spezialschuhe anzufertigen. Ein Physiotherapeut und eine orthopädische Werkstatt gehören ebenfalls zum Angebot. 

In Ifunda, im Süden des Landes, ist man noch nicht so weit. Das Ehepaar Blaser aus Bad Waldsee, das dieses Hospital initiiert hat, leistete hier zwar in den letzten zwei Jahrzehnten Großartiges. Aber auch ihre Mittel sind begrenzt. Hier ist der Bedarf allerdings auch viel größer, weil, so Annemarie Schraml, „die Menschen hier noch viel ärmer sind als im Norden des Landes“. Hauptursache für die Fehlstellungen bei den Kindern ist die durch Armut verursachte schlechte, weil einseitige Ernährung der Kinder. 

Die Chirurgin, deren ruhige Art selbst in schwierigen Situationen beeindruckt, hat vielleicht in Zukunft Gelegenheit, sich noch mehr zu engagieren und dann vielleicht auch die medizinische Versorgung in Ifunda auf einen guten Stand zu bringen: „Im nächsten Jahr werde ich pensioniert, dann komme ich öfter.“ Ihr Ziel ist es, nicht nur selbst helfen zu können: Wir wollen auch einheimische Ärzte ausbilden, die dann in der Lage sind, noch mehr Kinder zu behandeln.“

Annemarie Schraml hilft zuweilen auch ganz unkonventionell, in dem sie auf Vertrauen Patienten Geld für die Heimreise oder für den Transport in ein anderes Hospital in die Hand drückt. Sie sei selten enttäuscht worden: „Die Menschen müssen sehen und merken, dass wir etwas für sie tun.“ 

Shanias Beinknochen werden getrennt, gedreht und gerichtet, damit sie wieder zusammenwachsen können. Ihre Operation ist, so Annemarie Schraml, sehr gut verlaufen: „Ihre Beine bleiben jetzt sechs Wochen in einem Gipsverband, doch schon in wenigen Wochen wird sie wieder normal laufen können.“

Finanziert werden die aktuellen Operationen in Ifunda von der Allgäuer Hilfsorganisation BigShoe, die während des Sommermärchens 2006 entstanden ist und nunmehr seit zehn Jahren im Umfeld großer Fußballereignisse Geld sammelt, um Kinder operieren zu lassen, deren Familien sich diese Eingriffe sonst nicht leisten könnten. Prominenteste Unterstützer der Operationen in Tansania, die während der Fußball-EM in Frankreich begannen, sind der deutsche Nationalspieler Mesut Özil und der französische Superstar Paul Pogba.