Menschen für Menschen

1. Mai, 2016

2008 wurde die Schule in Minaze im Nordosten Äthiopiens eröffnet, die Leser der Schwäbischen Zeit damals mit ihren Spendengeldern finanziert haben.

Damals war alles neu und der Unterschied zu den Lehmhütten ohne Boden und Fenster gigantisch. Die Freude der Schüler und Lehrer sowie der Kommune war bei der Eröffnung gigantisch. An die Tausend Äthiopier feierten damals den Menschen für Menschen-Gründervater Karlheinz Böhm und die Leser der Schwäbischen Zeitung mit schrillem Trällern und Trillern. Sowie "Lang lebe Karl!"-Rufen. 

Karlheinz Böhm ist mittlerweile gestorben, aber er ist immer noch in den Köpfen vieler Äthiopier. Und nicht nur das: Sein Porträt hängt an ganz vielen Wänden. Das Schild, das an die Spendenleistung der Leser der Schwäbischen Zeitung erinnert, erstrahlt übrigens immer noch in altem Glanz. 

Heute, sieben Jahre später, ist der Gesamteindruck der Minaze-Schule weiter noch positiv. Zwar ist nichr mehr alles so neu und die eine oder andere Drecksecke gibt es auch - aber insgesamt ist der Eindruck sehr gut. Eine insgesamt saubere Schule, in der in hellen und lichten Räumen unterrichtet wird.

Seit vier Jahren Berhan Seyoum (Foto) Direktor der Schule, an der heute ganztags in acht Klassen und neun Fächern 936 Schüler unterrichtet werden - 474 Jungen und 462 Mädchen. Lehrer und Schüler sind von Ihrer Schule nach wie vor begeistert. Berhan Seyoum formuliert es so: Alles nicht zu vergleichen mit dem Zustand der alten Schulen. Und vielen anderen Schulen im Land.

Auch das Lehrerpersonal ist noch sehr zufrieden mit ihrer "neuen" Schule. Vor allem freut es sie, dass zur Schule auch deutlich verbesserte Lehrerunterkünfte gehören. Auch sie leben jetzt in gemauerte Häusern mit jeweils separaten Eingängen für die kleinen Familien - so eine Art Reihenhaus auf äthiopisch.

Zufriedene Lehrer produzieren zufriedene Schüler. Das haben sie auch verdient, schließlich müssen viele von Ihnen einen kilometerlangen Anmarsch auf sich neben. Das tun sie trotz größten Beschwernisse frohen Herzen. Erstens ist der Äthiopier - und auch schon die Kleinsten - eh gewohnt, lange Märsche zu absolvieren, um zum Markt, aufs Feld oder zur Familie zu kommen. Zweitens setzt sich auch in ärmeren Familien immer mehr die Erkenntnis durch, dass ihre Kinder nur eine Perspektive haben, wenn sie gut ausgebildet sind. Und das fängt in der Schule an.

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Bei meiner letzten Äthiopien-Reise im Herbst 2015 habe ich mir selbst ein Bild gemacht, wie die Schule, die Karlheinz Böhm und ich sieben Jahre vorher eingeweiht haben, mittlerweile aussieht.

 

 

 

 

1. Mai, 2016

Die Hilfsorganisation Menschen für Menschen verbessert die Lebensbedingungen für zahlreiche Äthiopier

Peter Renner neigt nicht zum dramatischen Auftritt. Er ist ein nüchterner Managertyp. „Die Menschen brauchen eine Perspektive“, so definiert der neue Vorstand bei der Hilfsorganisation Menschen für Menschen (MfM), was ihn antreibt. Der Münchner sieht sich da in der Tradition von Schauspieler Karlheinz Böhm (1928-2014), dem MfM-Gründervater, dessen Ziel es war, „die Bevölkerung im ländlichen Äthiopien zu befähigen, ihre Lebenssituation aus eigener Kraft zu verbessern.“ Dafür hat Böhm seine ganze Kraft und Teile seines Vermögens eingesetzt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingssituation in Europa sind mittlerweile auch EU- und UN-Einrichtungen auf  das MfM-Modell aufmerksam geworden. Peter Renner bestätigt: „Man hat uns gesagt, dass wir vieles richtig machen.“ Ein Modell, um den Flüchtlingsstrom im Ansatz zu stoppen? In Äthiopien gelingt das immer öfter.

Mubiye Hussein (Foto) ist das, was man im Schwabenland ein Clevere nennt. Man sieht es schon seinen verschmitzt blinzelnden Augen an. Sein Alter schätzt er selbst auf 60. Seine überwiegende Lebenszeit hat der Bauer aus Mekane Selam, gut 300 Kilometer nördlich von Addis, am Existenzminimum gelebt: „Meist hat es noch nicht mal für die eigene Familie gereicht.“ Die übliche einseitige Bewirtschaftung der Felder mit Weizen oder Hirse war zu anfällig für Witterungseinflüsse. Blieb die zweite Regenzeit aus, war die gesamte Ernte vernichtet. Erst die landwirtschaftlichen Berater von MfM brachten ihm bei, seine Flächen mit unterschiedlichen Produkten und zum Teil kürzeren Wachstumsphasen zu bepflanzen - zu Weizen und Hirse kamen Kartoffeln und Möhren sowie andere Gemüsesorten. Seitdem geht es Mubiye Hussein besser. Er produziert regelmäßig weit über den Eigenbedarf hinaus, erzielt bescheidene, aber regelmäßige Erlöse auf dem Markt und muss in Notsituationen nicht mehr das Saatgut antasten. Mubiye Hussein ist jetzt MfM-Modellfarmer. Das ganze Dorf kommt zu ihm um zu schauen, wie man auch unter widrigen Umständen erfolgreich sein kann. Sein größtes Glück ist aber, dass er seinen mittlerweile 32-jährigen Sohn, der sich als Hilfsarbeiter in Saudi-Arabien verkauft hatte und dort gequält und ausgebeutet wurde, wieder zurückholen konnte. „Ich lebe mittlerweile besser und kann ihm eine Zukunft bieten“, erzählt er stolz und rückt seinen kunstvoll gebundenen Turban zurecht. Und er zeigt auf ein zweites Haus, dass er für seinen mittlerweile heimgekehrten Sohn, dessen junge Frau und ein kleines Kind gebaut hat.

Auch Amarash, zwischen 40 und 50 Jahre alt, ist jetzt mit ihrer Welt in Meragna, gleichfalls in der Region Amhara, zufrieden. Seit ein paar Jahren nimmt sie am von der Böhm-Stiftung initiierten Kreditprogramm für Frauen teil. Erst mit einem kleinen Betrag von 1000 Birr, was 43 Euro entspricht, später nahm sie dann mehr - 10 000 Birr, also 430 Euro. Anfangs kaufte sie sich nur Zutaten, die sie zum Backen von kleinen Broten brauchte, die sie aus dem bescheidenen Haus heraus auf der Straße verkaufte. Später kamen andere Lebensmittel hinzu, mittlerweile betreibt sie einen kleinen Handel. Ihre neueste Geschäftsidee ist ein Billardtisch, der direkt von der Strasse genutzt werden kann. Gegen eine kleine Gebühr kann der Tisch angemietet werden. MfM-Schirmherrin Almaz Böhm, die Amarash schon lange kennt und immer wieder mal besucht, hat die tapfere Frau aus Meragna gefragt, was denn jetzt das Wichtigste in ihrem neuen Leben sei. Die Antwort überraschte selbst Alma: „Frieden!“ Amarash meint damit nicht die große Politik, sondern den häuslichen Frieden. Früher habe es immer Streit um kleinste Beträge und Ausgaben mit Ihrem Mann gegeben. Seit dem sie im MfM-Kreditprogramm ist, passiert das immer weniger: Die Frau verfügt über eigenes Geld. Und sorgt damit für einen bescheidenen Wohlstand der gesamten Familie.

Zu den „Sparweibern“ von Meragna gehört auch Mesaw Lahew. Sie ist mittlerweile schon für einen Kredit in Höhe von 30 000 Birr, also fast 1300 Euro, gut. Wer ihr Geschäft an der Hauptstrasse besucht, versteht das sofort. Es ist vollgestopft mit vielerlei Nützlichem, aber auch mit kleinen Dingen, die der Mensch nicht unbedingt braucht. Das reicht von Lebensmitteln, Getränken bis zu Kosmetikartikeln und Spielsachen. Dass die Nachfrage stimmt, beweisen die Warteschlangen vor Mesaws Kiosk. Anfangs ist sie von ihrem Mann ausgelacht worden. „Das schafft du nie“, wurde sie verspottet. Mittlerweile hat sich die private Stimmungslage geändert: „Er hat es ganz gerne, wenn ich ihm mal einen Tee ausgebe.“ Und mit strahlenden Augen fügt sie hinzu: „Welcher Mann hat nicht gern eine reiche Frau …“ Mittlerweile wollen die Männer sich mit dieser Nebenrolle nicht mehr zufrieden geben und auch Mitglied im Meragna-Sparklub werden. Doch die Damen sind eisern. Alma Böhm formuliert es vor: „Männer sind nicht kreditwürdig, Frauen sind verantwortungsvoller.“ Basta!

Die 21-Jährige Likye Getu aus Borena ist über einen leidvollen Umweg zu Menschen für Menschen gekommen. Nach Abschluss der 9. Klasse war sie perspektivlos - keine Arbeit, keine Ausbildungsmöglichkeit, kein Geld, keine Zukunft. Über Freundinnen hat sie von einer äthiopischen Agentur gehört, die Hausmädchen nach Saudi-Arabien vermittelt. 12000 Birr, das sind über 500 Euro, musste sie für diese Vermittlung auf den Tisch der Agentur legen, die gleiche Summe sollten sie von Ihrem Verdienst abstottern. Vor Ort zeigte sich sehr schnell, dass sie getäuscht worden war. Sie wurde als Sklavin gehalten, die 22 Stunden am Tag arbeiten musste - Wäsche waschen, putzen usw. - immer nur von muslimischen Gebeten unterbrochen. Nach einem Jahr hatte Likye das Agenturgeld abbezahlt. Drei Monate später war der Entschluss gereift, sich zu befreien und nach Äthiopien zurückzugehen. Menschen für Menschen fing sie auf, bildete sie zur Schneiderin aus und gab ihr einen Kleinkredit. Heute hat Likye ein gut gehendes Nähstudio, dass sie zusammen mit einer Freundin betreut. „Heute denke ich nicht mehr daran wegzugehen“, erklärt sie stolz. Im Freundes- und Verwandtenkreis macht sie sogar Werbung dafür, dass alle im Land bleiben soll: „Geld kann man auch hier verdienen, ich bringe es heute auf 4000 Birr im Monat.“

Menschen für Menschen zeigt auf, dass es möglich ist, auch in den Armutsregionen Afrikas Bedingungen zu schaffen, die es den Menschen ermöglichen, in ihrer Heimat zu bleiben. Um dies noch in Zukunft leisten zu können, muss sich die Hilfsorganisation anpassen. Als Karlheinz Böhm in Äthiopien vor über 30 Jahren anfing, lebten in diesem Land 30 Millionen Menschen, heute sind es 100 Millionen. Peter Renner bringt es auf den Punkt: „Die Menschen haben heute andere Bedürfnisse.“ Und es gibt andere Notwendigkeiten. Natürlich braucht das Land weiterhin in bestimmten Regionen noch Straßen, Brücken, Wasserstellen, Schulen, Landwirtschafts- und Gesundheitsprogramme. Aber mittlerweile werden Maßnahmen, die jungen Menschen eine berufliche Bildung und eine Chance auf Existenzgründung ermöglichen, immer wichtiger. Dazu Peter Renner: „Aus Entwicklungshilfe wird ein Förderprogramm.“ Die MfM-Organisation stellt sich um. Zum Beispiel, in dem sie Technische Zentren aufbaut, in denen ganz praktische, handwerkliche Fähigkeiten vermittelt werden. Dazu Peter Renner: „Das wird im Land benötigt, das gibt den jungen Menschen eine Chance auf Arbeit.“ Und er wiederholt noch einmal: „Die Menschen brauchen eine Perspektive.“

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(Diesen Artikel habe ich nach meiner letzten Äthiopien-Reise im Herbst 2015 veröffentlicht - unter anderem in der Neuen Osnabrücker Zeitung, der Nordsee-Zeitung und dem Donaukurier.)